Interview mit Samuel Lobsiger, Teamleiter Arbeitsagogik & Integration und Fachverantwortlicher Arbeitsagogik

Die Stiftung St. Jakob baut seit 2025 ihr Angebot an Integrativen Arbeitsplätzen systematisch aus. Ziel ist es, Menschen mit Unterstützungsbedarf die Möglichkeit zu geben, ihre Fähigkeiten im ersten Arbeitsmarkt einzubringen – begleitet, nachhaltig und in Kooperation mit regionalen Firmen.
Im Gespräch erklärt Samuel Lobsiger, wie die Initiative entstanden ist, welche Ziele verfolgt werden und welche ersten Erfahrungen er und sein Team bereits sammeln konnten.
Wie kam es zu dieser Initiative?
Begonnen hat es organisch: Zwei Mitarbeitende arbeiten bereits seit sechs Jahren extern bei einem langjährigen Kunden der Stiftung. Im vergangenen Jahr traf die Geschäftsleitung den Entscheid, ab 2025 gezielt integrative Arbeitsplätze aufzubauen. Das vorhin erwähnte, erfolgreiche Beispiel konnte für den Start als gute Erfahrungsgrundlage herangezogen werden. Ziel ist es, den Mitarbeitenden zusätzliche Entwicklungsmöglichkeiten sowie vielfältigere Arbeitsfelder anzubieten.
Warum ist Inklusion im Arbeitsmarkt für die Stiftung St. Jakob wichtig?
In der Stiftung ist seit Jahren eine klare Haltung verankert: Menschen sollen so weit wie möglich gefördert und befähigt werden. Inklusion im Arbeitsmarkt ist eine logische Weiterentwicklung dieser Grundhaltung. Zudem steigt der gesellschaftliche und gesetzliche Druck, Inklusion stärker umzusetzen – ein weiterer Grund, aus dem die Stiftung nun gezielt ein entsprechendes Angebot aufbaut.
Was unterscheidet integrative Arbeitsplätze von den bisherigen Angeboten?

Der entscheidende Unterschied: Die Mitarbeitenden bleiben regulär bei uns angestellt, arbeiten aber extern, in regulären Firmen – teilweise in völlig anderen Arbeitswelten. Die Anforderungen sind höher als im internen Setting, wo auch niederschwellige Tätigkeiten möglich sind. Das Angebot richtet sich an Personen, die stabile Voraussetzungen und das passende Kompetenzprofil mitbringen.
Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Aufbau?
Kurzfristig steht der systematische Aufbau des Angebots im Fokus. Langfristig sollen bis Ende 2026 rund 10 externe Arbeitsplätze entstehen. Entscheidend ist ausserdem, nachhaltige Partnerschaften zu regionalen Unternehmen aufzubauen.
Gibt es erste Erfahrungen aus externen Einsätzen?
Die Rückmeldungen der bereits aktiven Partnerschaft sind durchwegs positiv – die heute schon extern eingesetzten Mitarbeitenden fühlen sich wertgeschätzt und übernehmen zunehmend verantwortungsvolle Aufgaben. Neben dieser langen, bestehenden Partnerschaft befinden sich mehrere weitere Unternehmen in konkreter Abklärung. Rund 15 Mitarbeitende innerhalb der Stiftung St. Jakob haben ihr Interesse am neuen Angebot bekundet.
Welche Tätigkeiten übernehmen die extern eingesetzten Mitarbeitenden?

Aktuell arbeiten sie im Büro- und Administrationsbereich:
– Archiv aufräumen
– Akten scannen und digital ablegen
– Posteingang
– Allgemeine administrative Aufgaben
Ihre Leistungen sind so solide, dass sie praktisch nicht von anderen Assistenzfunktionen zu unterscheiden sind.
Wie erfolgt die Betreuung und Begleitung?

Ein zentraler Bestandteil des Modells ist die kontinuierliche Unterstützung:
– Monatlicher Austausch mit Mitarbeitenden und Partnerbetrieb
– Laufende fachliche Begleitung durch eine interne Bezugsperson
– Pflege der sozialen Anbindung durch regelmässigen Kontakt zur Stiftung
Künftig soll auch die Betreuung aller weiteren integrativen Arbeitsplätze zentral im Team von Herrn Lobsiger erfolgen.
Wie werden Mitarbeitende vorbereitet – und wie läuft der Prozess ab?
Interessierte melden sich freiwillig. Der Prozess umfasst:
- Orientierungsgespräch und Klärung der Erwartungen
- Erstellen eines persönlichen Kompetenzprofils
- Einsatz eines neuen Arbeitsbuches zur Standortbestimmung (Ressourcen, Entwicklungsthemen)
- Bewerbungsprozess beim Partnerbetrieb
- Schnuppereinsatz (2–3 Tage)
- Probezeit (Dauer wird in Absprache mit Partnerbetrieben definiert)
Wie gewinnen Sie Unternehmen für eine Zusammenarbeit?
Derzeit vor allem über bestehende Kunden- und Lieferantenbeziehungen. Die Resonanz ist überwiegend positiv – viele Firmen begrüssen die Idee der integrativen Arbeitsplätze. Allerdings scheint die Priorität zur Schaffung solcher Plätze bei vielen noch nicht hoch. Potenzielle Partnerbetriebe möchten teilweise noch etwas Zeit, bevor sie in die Umsetzung gehen. Möglicherweise hängt diese Zurückhaltung auch mit unbegründeten Befürchtungen zusammen, die eine solche Zusammenarbeit kompliziert erscheinen lassen.
Wie werden Fachpersonen und Mitarbeitende intern abgeholt?
Über interne Screens, Gespräche und E-Mail-Kommunikation wird transparent informiert. Ziel ist, Verständnis und Unterstützung im Haus zu stärken.
Gab es kritische Stimmen?
Ja, insbesondere die Sorge, dass starke Mitarbeitende im internen Betrieb fehlen könnten, weil diese durch das neue Angebot in die externen Partnerbetriebe «ausgeliehen» werden. Auch organisatorische Herausforderungen wurden angesprochen. Grundsätzliche Ablehnung gab es bisher jedoch nicht. Im Gegenteil, das grosse Echo ist positiv und ermutigend.
Gibt es Überlegungen zu Angeboten für Menschen mit höherem Unterstützungsbedarf?
Aktuell liegt der Fokus auf den stabileren Mitarbeitenden. Mittelfristig sind jedoch auch projektbasierte Einsätze für Menschen mit mehr Unterstützungsbedarf denkbar – dann mit fachlicher Begleitung vor Ort, z. B. zur Abfederung von Arbeitsspitzen in Firmen.
Ihre Vision für die kommenden Jahre?
Die integrativen Arbeitsplätze sollen im Kanton Zürich als anerkanntes Modell einer inklusiven Arbeitskultur etabliert werden. Menschen mit Unterstützungsbedarf sollen selbstverständlich und gleichberechtigt in Teams des ersten Arbeitsmarktes arbeiten – an Orten, an denen Entwicklung, Teilhabe und Wertschätzung genauso zentral sind, wie marktwirtschaftlicher Erfolg.
Herr Lobsiger, ich bedanke mich ganz herzlich für dieses Interview.
Falls Sie Fragen haben zu Integration oder Inklusion stehe ich Ihnen gerne zur Verfügung:




