«Arbeitsagogik – Menschen befähigen und ermächtigen, Geschichten über Teilhabe durch Arbeit» – meine Buchrezension
Autor: Dario Togni-Wetzel
Verlag: Haupt Verlag, 1. Auflage 2022
Umfang: 208 Seiten

Einführung
Mit seinem Buch „Arbeitsagogik – Menschen befähigen und ermächtigen“ legt Dario Togni-Wetzel einen praxisorientierten Beitrag zur Arbeitsagogik vor – einem Fachgebiet, das Arbeit als zentrales Feld für persönliche Entwicklung, gesellschaftliche Teilhabe und damit auch für die Inklusion von Menschen mit Unterstützungsbedarf versteht.
Der Autor verzichtet bewusst auf theoretische Abstraktion und setzt stattdessen auf konkrete Praxisbeispiele: 28 Geschichten aus dem agogischen Alltag bilden das Gerüst des Buches. Jede dieser Erzählungen ist mehr als eine Fallgeschichte. Sie endet jeweils mit der Frage, „was wir aus dieser Geschichte lernen können“, um die agogische Essenz herauszuarbeiten und daraus konkrete Lern- und Handlungsimpulse für professionelle Begleitpersonen abzuleiten.

Inhaltlicher Schwerpunkt
Das Buch ist in gut lesbare Kapitel gegliedert und entfaltet ein vielschichtiges Verständnis davon, wie Menschen über Arbeit Befähigung und Ermächtigung erfahren können. Die erzählten Fälle beleuchten Situationen, in denen klassische pädagogische Ansätze an ihre Grenzen stossen und zeigen stattdessen, wie Arbeitsprozesse als Lern- und Entwicklungsfelder genutzt werden können um Menschen mit Unterstützungsbedarf zu befähigen, Neues zu lernen und ihre Behinderung sogar hinter sich zu lassen.
Zentral ist dabei die Verbindung von Befähigung und Ermächtigung mit Teilhabe: Wer befähigt wird, Kompetenzen zu entwickeln, und ermächtigt wird, Verantwortung zu übernehmen, gewinnt Zugang zu echter Teilhabe am Arbeitsleben – und darüber hinaus zu gesellschaftlicher Teilgabe. Arbeit wird nicht als Beschäftigung verstanden, sondern als Raum, in dem Menschen wirksam werden, beitragen und sich als wertvoll erleben können. Diese Perspektive ist für die inklusive Weiterentwicklung des Arbeitsmarktes von grosser Bedeutung.
Die praxisnahen Zugänge machen das Buch besonders wertvoll für Arbeitsagogen, Fachpersonen der Sozialen Arbeit und alle, die mit Menschen arbeiten, die einen erschwerten Zugang zum Arbeitsmarkt haben.
Eine besondere Stärke des Buches sind zudem die Beiträge betroffener Menschen selbst. Das Umschlagbild wurde von einer Person mit Beeinträchtigung gestaltet, und im Buch finden sich Beispiele sowie Interviews mit Betroffenen. Dadurch wird nicht nur über Teilhabe gesprochen – sie wird im Buch selbst sichtbar und hörbar gemacht.

Stil und Lesbarkeit
Was dieses Buch auszeichnet, ist sein einfacher und gut verständlicher Stil. Trotz fachlicher Tiefe gelingt es Togni-Wetzel, komplexe arbeitsagogische Überlegungen über authentische Praxisbeispiele greifbar zu machen.
Dadurch eignet sich das Buch nicht nur für Fachpersonen, sondern auch für alle, die sich für Teilhabe, Empowerment und Potenzialentfaltung durch Arbeit interessieren.

Kritische Reflexion
Ein möglicher Kritikpunkt ist, dass das Buch weniger ein theoretisches Lehrwerk als vielmehr ein Praxisratgeber ist. Wer eine systematische theoretische Einführung sucht, wird im früher erschienenen Werk des Autors „Arbeitsagogik – Grundlagen des professionellen Handelns“ (2016) umfassender fündig.
Gerade diese Praxisnähe des vorliegenden Buches ist jedoch zugleich seine Stärke. Es will kein Methodenhandbuch sein, sondern zum Denken und Reflektieren der eigenen Praxis anregen. Es fordert dazu auf, innezuhalten, Situationen zu analysieren und das eigene professionelle Handeln zu hinterfragen.
Die Empfehlung des Autors, die Geschichten nicht einfach nacheinander „durchzulesen“, sondern bewusst zu pausieren und das Gelesene zu verarbeiten, ist sehr unterstützenswert. Besonders gewinnbringend dürfte es sein, einzelne Geschichten in Teamsitzungen zu besprechen und gemeinsam zu reflektieren. So kann das Buch seine Wirkung als Entwicklungsinstrument in Organisationen voll entfalten.

Fazit
„Arbeitsagogik – Menschen befähigen und ermächtigen“ ist ein wertvoller Beitrag zum Paradigmenwandel in der Sozialen Arbeit. Mit seiner Mischung aus Fallgeschichten und Reflexionen eröffnet der Autor neue Perspektiven auf das Thema Teilhabe durch Arbeit und liefert konkrete Impulse für die agogische Begleitung von Menschen mit Unterstützungsbedarf.
Das Buch unterstützt die Bewegung, Betreuung nicht als Behütung zu verstehen, sondern Menschen als erwachsene Persönlichkeiten ernst zu nehmen. Es geht darum, Potenziale freizusetzen, Selbstbestimmung zu stärken und Arbeits- wie Lebensräume so zu gestalten, dass möglichst eigenständiges und wirksames Handeln möglich wird.
Die Impulse des Buches sind dabei nicht nur für Institutionen relevant. Auch im privaten Umfeld – etwa wenn Menschen mit Unterstützungsbedarf bei ihren Eltern oder Verwandten leben – wird gearbeitet, Verantwortung übernommen und beigetragen. Auch dort stellt sich die Frage nach Befähigung, Ermächtigung und echter Teilhabe.
👉 Empfohlen für:
Fachpersonen der Arbeitsagogik, Sozialarbeitende, Praktikerinnen und Praktiker in Institutionen – ebenso wie Angehörige und Privatpersonen, die Menschen mit Unterstützungsbedarf im Alltag begleiten und berufliche oder lebenspraktische Teilhabe ermöglichen möchten.




